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SPRACHGESCHICHTE

4000 JAHRE GRIECHISCH

Zurück zu den Wurzeln

Wir wissen nicht genau, wann und woher die Griechen kamen. Sicher ist nur, dass sie irgendwann ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. in das Gebiet einwanderten, das wir heute Griechenland nennen. Ebenso wie die Herkunft der Griechen selbst liegen die Anfänge ihrer Sprache im Dunkeln. Entscheidend ist aber, dass Griechisch nach wie vor existiert und gesprochen wird. Es ist damit einige der wenigen Sprachen der Welt, die über einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren bis in die Gegenwart dokumentiert und in ihrer Entwicklung nachvollziehbar ist.

Das ist einerseits schön, andererseits haben berühmte Vorfahren und deren berühmte Werke auch ihre Tücken – ämlich dann, wenn man beständig an ihnen gemessen wird. Die alten Griechen haben nach heutigem Verständnis in vielen Bereichen Maßstäbe gesetzt. Sie zu bertreffen oder auch nur zu erreichen ist kaum möglich. So ist denn die antike Vergangenheit den Griechen von Anfang an bis heute Lust und Last gleichermaßen geblieben. Sie konnten sie nicht übertreffen, aber vergessen konnten und wollten sie sie auch nicht … ein Umstand, der in der Gesellschaf ebenso wie in der Entwicklung der Sprache bis in die Moderne Spuren hinterlassen hat.

Begleiten Sie uns auf einer spannenden sprachlichen Reise von der Antike, über Byzanz bis ins moderne Griechenland…

Gehen wir es an…

 

 

 

Jedes Volk, das von den alten Griechen abstammt, ist automatisch unglücklich. Es sei denn, es kann sie vergessen oder übertreffen.

Nikos Dimu
gr. Schriftsteller *1935

Karotten

INHALT

FRÜHZEIT
Mykenisches Griechisch

Die frühesten Zeugnisse griechischer Sprache finden sich auf Tontäfelchen

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HomerANTIKE
Altgriechisch & Homer

Wie aus dem Nichts tauchen um 800 v. Chr. die Werke Homers auf…

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UM CHRISTI GEBURT
Griechisch ist Weltsprache

Das Neue Testament gibt erstmals einen Eindruck davon, wie das einfache Volk sprach…

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MITTELALTR
Byzantinisches Griechisch

Nach dem Zerfall Roms blieb Griechisch die Srache der Erben in Byzanz…

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TempelNEUZEIT

Neugriechisch & der Sprachenstreit

1821 befreien sich die Griechen von der türkischen Fremdherrschaft, um sofort von der eingenen Vergangenheit eingeholt zu werden…

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FRÜHZEIT

Mykenisches Griechisch und Linear B

Die frühesten Zeugnisse griechischer Sprache finden sich auf Tontäfelchen der sog. Mykenischen Kultur (ca. 2000-1200 v. Chr.), die ihren Namen dem Hauptort Mykene auf der Peloponnes verdankt. Lange war unklar, wer die Mykener waren. Anhand ihrer inzwischen entzifferten Schrift, der sogenannten Linear B, wissen wir inzwischen, dass es Griechen waren.

Die meisten Linear-B-Texte sind kurze Verwaltungsnotizen, so dass sie nur wenig Einblicke in die Sprache der zeit erlauben. Immerhin können wir mit ihrer Hilfe manch spätere Entwicklung besser verstehen.

Um 1200 v. Chr. geht die mykenische Kultur unter. Die Gründe dafür sind ein in der Wissenschaft vieldiskutiertes Problem. Offensichtlich, dass mit der mykenischen Kultur und ihren Palästen auch das Wissen um die Schrift wieder verlorenging. Denn zumindest für die folgenden 400 Jahre fehlen schriftliche Zeugnisse völlig. Der daraus resultierende Informationsmangel hat dieser Zeit den Namen „Dunkles Zeitalter“ eingetragen, bis um 800 v. Chr. ein Paukenschlag die Dunkelheit beendet. Dieser Paukenschlag sind die Werke des Dichters Homer.

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Dann die Mykene bewohnten, die üppige Stadt,
die schöne Kleonae … Diese führte in hundert Schiffen der Held Agamemnon, Atreus' Sohn. Ihm folgten die meisten zugleich und die besten Völker zum Kampf

Homer, Ilias B 569ff.
Griechischer Dichter um 800 v. Chr.

 

Die mykenische Schrift - Linear B

kennen wir von Tontäfelchen, die man u.a. in Mykene, Tyrins und Pylos gefundenen hat. Die meist kurzen Texte wurden zwischen 2000 und 1200 v. Chr. abgefasst. Linear B ist eine Silbenschrift und die Sprache der Texte ein frühes Griechisch. Die Griechen haben Linear B nicht selbst erfunden, sondern haben sie übernommen.

Grundlage des späteren griechischen Alphabets ist nicht die Linear-B, sondern das alte Alphabet der Phönizier, dass die Griechen ihren sprachlichen Erfordernissen anpassten. Dieses Alphabet wird bis heute verwendet.

  

  

ANTIKE

Altgriechisch und Homer

Wie aus dem Nichts tauchen um 800 v. Chr. die Werke Homers, die Ilias und die Odyssee, auf. Nachdem 400 Jahre lang kein griechisches Wort überliefert ist, halten wir plötzlich zwei Werke der Weltliteratur in den Händen. Die Sprache ist Altgriechisch in einer frühen und dichterisch veränderten Form. Es ist somit eine Kunstsprache, die so sicherlich niemals gesprochen wurde, aber sie setzte Maßstäbe für die folgenden Jahrhunderte.

Die Wirkung dieser Sprache war so groß, dass sie in den folgenden Jahrhunderten von anderen Autoren kopiert und verwendet wurde, obwohl sie schon damals erheblich vom gesprochenen Alltagsgriechisch abwich. Es dauerte eine ganze Zeit, bis man die homerische Sprache hinter sich ließ und begann, Prosa in lokalen Dialekten niederzuschreiben. Autoren wie z.B. Platon oder Thukydides haben im 4. Jh. v. Chr. maßgeblich den "klassischen" Stil des Altgriechischen geprägt, an dem sich noch spätere Jahrhunderte orientieren sollten.

Das stößt uns auf ein grundsätzliches Problem. Wir rekonstruieren die griechische Sprache durch die Jahrhunderte allein anhand erhaltener Texte. Diese bedienen sich in der Regel einer besonders gebildeten Schriftsprache, die vom gesprochenen Griechisch zweifellos abwich. Wie weit sie jedoch abwich, können wir kaum ermessen.

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Homer

 

Homer

Homer war ein griechischer Dichter, der vermutlich um 800 v. Chr. im kleinasiatischen Teil Griechenlands gelebt hat. Über ihn selbst ist fast nichts bekannt. Es ist nicht einmal sicher, ob es die Person Homer wirklich gegeben hat. Er galt und gilt als der Autor der Ilias und der Odyssee, also der beiden schon in der Antike berühmten Gedichte über den legendären Trojanischen Krieg und die Irrfahrten des griechischen Helden Odysseus.

 

UM CHRISTI GEBURT

 Griechisch ist Weltsprache

Um Christi Geburt beherrbergte das Römische Reich mit seiner ungeheuren Ausdehnung eine Vielzahl von Völkern und Sprachen. Natürlich war Latein nach wie vor die wichtigste Sprache, aber gerade in den östlichen Provinzen Roms hatte sich Griechisch noch vor Latein zur allgemeinen Verkehrs- und Umgangssprache entwickelt. Selbst unter vornehmen Römern im Westen galten Griechischkenntnisse viel und waren verbreitet.

Da wundert es nicht, dass die Evangelisten, die ab dem 1. Jh. n. Chr. das Neue Testament (NT) niederschrieben, sich für Griechisch und nicht für ihre jeweilige Muttersprachen entschieden. Das Neue Testament sollte von möglichst vielen Menschen aller Nationalitäten verstanden werden. Deshalb wurde es auch nicht in dem altehrwürdigen Altgriechisch, sondern in dem damals geläufigen Alltagsgriechisch abgefasst. Man nennt diese Sprache Koiné (nach dem griechischen Wort koinos = gemeinsam).

Damit ist das Neue Testament neben seiner religiösen Bedeutung auch ein wichtiger Meilenstein für die Erforschung der griechischen Sprache. Denn bis dahin war es üblich, sich schriftlich in dem längst nicht mehr gesprochenen Altgriechisch auszudrücken. Das NT zeigt erstmals, wie die Menschen damals wirklich spachen.

Die Koiné ist eine Sprache im Umbruch. Sie steht dem Altgriechischen noch deutlich nahe, zeigt aber vielfach schon deutliche Tendenzen zum Neugriechischen. Wo einige Autoren noch auf die altgriechischen Strukturen zurückgreifen, beginnen andere schon nach neuen Ausdrucksformen zu suchen und finden dabei unterschiedliche Lösungen.

 

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Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott

NT, Markus 1234,4

 

Die Sprache des Neuen Testaments

Die ältesten Schriften des NT sind um 70 n. Chr. auf Griechisch niedergeschrieben worden. Sprache und Stil zeigen, dass die Autoren keine Muttersprachler waren und Griechisch unterschiedlich gut beherrschten. Sie verwenden das damals vor allem im Osten Roms geläufige Umgangsgriechisch, das man als Koiné (gr. koinós = gemeinsam) bezeichnet.

Die Entwicklung der Koiné und der Aufstieg des Griechischen zur Weltsprache beginnt bereits in der Antike im 4. Jh. v. Chr. mit der Begründung des Attischen Seereiches. Durch die beherrschende Rolle Athens wuchsen entfernte Teile Griechenlands und fremder Regionen enger zusammen. Die bis dahin intakten Sprach- und Dialektgrenzen brachen auf und es entwickelte sich eine Verkehrssprache, die Elemente aus verschiednene Dialekten und Sprachen aufnahm. Die Welt wurde internationaler und damit auch die Sprache. Die Koiné des NT basiert im Kern auf dem attischen Dialekt der Stadt Athen, hat sich aber längst weit davon entfernt.

 

MITTELALTER

Byzantinisches Griechisch

Nach dem endgültigen Zerfall des römischen Westreiches im 5. Jh. n. Chr. existierten die ehemaligen Ostprovinzen Roms als Byzantinisches Reich weiter. Allgemeine Verkehrssprache des Vielvölkerstaats mit der Hauptstadt Konstantinopel (Byzanz) blieb Griechisch.

Obwohl schon das Neue Testament eine veränderte Alltagssprache zeigte, orientierte sich die gebildete Schriftsprache weiter am klassischen Altgriechisch. Das gelang den Autoren unterschiedlich gut, denn Altgriechisch war damals eben schon eine tote Sprache. So hat der Versuch mancher Autoren, Altgriechisch zu schreiben, zuweilen seltsame Blüten getrieben. Ein kurzes Streiflicht auf den tatsächlichen Entwicklungsstand der Volkssprache werfen die ab dem 9. Jh. n. Chr. entstehenden Heldenlieder. Diese so genannten „Akritika“ verwenden eine volkstümliche Sprache, die schon deutlich näher am Neugriechischen als am Altgriechischen ist.

Die Geschichte des Byzantinischen Reiches endet im Jahre 1453 mit der Eroberung durch die osmanischen Türken. Für die nächsten 500 Jahre sollte Griechisch keine besondere Rolle mehr spielen und blieb ihrem Schicksal überlassen.

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Der Mensch in seinem Dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst

Lied von Digenis Akritias

 

Helden fürs Volk

Unter dem Begriff Akritika versteht man eine Reihe von Heldenliedern, die vom 9.–11. Jh. unter dem Eindruck wiederkehrender arabischer Angriffe an den östlichen Grenzen des Byzantinischen Reiches entstanden. Sie sind in einer volkstümlichen Sprache verfasst, die dem Neugriechischen bereits sehr nahekommt.

NEUZEIT

Neugriechisch & der Sprachenstreit

1821 erheben sich die Griechen gegen die Türken und erlangen 1830 wieder einen unabhängigen griechischen Staat. Aber schwerer als die Trennung von den fremden Herren scheint die Trennung von der eigenen Vergangenheit. Denn die Frage nach der Rolle des Altgriechischen, die sich wie ein roter Faden durch die griechische Geschichte zieht, beschäftigt auch den jungen Staat gleich wieder.

Als Sprache hatte Griechisch die 500 Jahre türkischer Herrschaft zwar überlebt, aber die Spuren der Vernachlässigung waren unverkennbar. Das Volk sprach je nach Region und wie ihm der Schnabel gewachsen war. Gleichzeitig hatte eine Schicht gebildeter, einflussreicher und konservativer Griechen das Altgriechische über die Jahrhunderte gerettet und gepflegt. Nun sollte es in Erinnerung an die guten alten Zeiten wieder zur Staatssprache erhoben werden. Sie nannten dieses "bereinigte" Altgriechisch "Katharevusa". Die Wiedereinführung des Altgriechischen war ein unerhörtes Vorhaben, wenn man bedenkt, dass der Großteil der Bevölkerung Altgriechisch längst nicht mehr verstand. Es war seit Jahrhunderten faktisch eine tote Sprache. Über die Frage der offiziellen Sprache kam es sogar zum offenen Aufruhr mit Toten und Verletzten. Zunächst trug die Katharevusa den Sieg davon und wurde offizielle Staatssprache. Es sollte noch viele Jahre dauern, ehe die Volkssprache (Dimotiki) schließlich 1976 als offizielle Staatssprache anerkannt wurde. Die Katharevusa tritt seitdem immer mehr in den Hintergrund, aber sie ist nicht tot und aus der Welt! Gewisse konservative Kreise gefallen sich bis heute darin, die Katharevusa zu pflegen.

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SPRACHENSTREIT

Mit dem Fahrstuhl in die alte Zeit

Mit der Neugründung des griechischen Staates 1830 tauchte schnell die Frage auf, wie man sprechen und schreiben sollte. Zur Auswahl standen die gesprochene Volkssprache Dimotiki (von gr. dimotikós/δημοτικός = volkstümlich) und die auf dem klassischen Altgriechisch beruhende Katharevusa (von altgr. katharevo/καθαρεύω = (be-)reinigen).

Vor allem gebildete Konservative forderten vehement die Katharevusa. Dahinter stand nicht Sentimentalität, sondern ein politisches Programm. Mit der Katharevusa wollte man an die große Vergangenheit der Griechen anknüpfen. Griechenland sollte wieder groß werden – so groß, mächtig und glänzend wie einst. Allerdings war die Katharevusa so verschieden von der Alltagssprache, dass viele Griechen sie damals wie heute gar nicht oder nur mit Mühe verstanden. Die Frage nach der Sprache sollte das Land für viele Jahre spalten.

1830 setzten sich zunächst die Konservativen durch und die Katharevusa wurde offizielle Staats- und Unterrichtssprache. Die Sache war damit nicht vom Tisch, denn die Verfechter der Dimotiki unternahmen immer wieder neue Vorstöße. Sie erzielten auch Erfolge, doch waren sie alle nicht von Dauer.

Erst seit 1976 gilt die Dimotiki per Gesetz als alleinige Staats- und Unterrichtssprache. 1983 folgte dann der Entschluss, auch in der Rechtschreibung auf das komplizierte altgriechische Akzentsystem zu verzichten und statt dessen nur noch einen Wortakzent zu schreiben, der die jeweils betonte Silbe anzeigt.

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Der Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

Goethe

Tempel

 

 

 

Was unterscheidet Neu- und Altgriechisch?

Zunächst einmal bleibt festzustellen, dass die Unterschiede deutlich und nicht zu verkennen sind. Wenn alte und moderne Griechen aufeinanderträfen und jeder nur seine Sprache könnte, dann wäre eine direkte Verständigung sicherlich kaum möglich.

Der Grund liegt einerseits in einer stark veränderten Grammatik. Daneben haben altgriechische Wörter, die ihren Weg ins Neugriechische gefunden haben, in aller Regel eine erhebliche Bedeutungsverschiebung erlebt. Wer Altgriechisch kann, wird überall vermeintlich "alte bekannte" treffen. Die aber können einen leicht auf Abwege bringen.

Ein weiterer Punkt ist die Aussprache. Das Altgriechische besaß einen viel umfangreicheren Lautbestand als das Neugriechische. So wurden z.B. unterschiedlich lange Vokale gesprochen, was im Neugriechischen gänzlich weggefallen ist. Auch die Laute selbst haben sich verschoben. Vieles, was früher wie ein "e", "ä" oder "eu" ausgesprochen wurde, ist heute einfach ein "i". Die Rechtschreibung spiegelt diese Veränderungen nicht, sondern folgt weiter dem altgriechischen Schriftbild. Das macht die Sache auch für heutige Griechen ziemlich schwierig und manch einer verzweifelt daran, dass es fünf verschiedene Buchstaben für den Laut "i" gibt.